fist’s Radweisheiten

fist’s Radweisheiten

(von Stephan Fickl)

Niemanden verletzen, allen helfen

Dieser Grundsatz aus der HUNA-Tradition aus Hawai’i ist für mich auch die wichtigste Leitlinie beim täglichen Rad fahren in Wien. Ich fahre so, dass ich niemanden – vor allem auch mich selbst nicht – körperlich, geistig oder seelisch verletze, so dass alle gesund und glücklich „nach Hause“ kommen.

„Hier und Jetzt“ Modus statt „von A nach B“ Modus

Ich bin präsent, neugierig und offen für Erfahrungen. Jetzt ist der wichtigste und einzig reale Zeitpunkt in meinem Leben, hier ist der Ort, an dem ich bin, das ist mein Leben. Vielleicht treffe ich gerade jetzt auf einen Menschen, der wichtig in meinem Leben wird. Vielleicht ist es sogar die Autofahrerin die mich gerade übersehen hat oder der Fußgänger, dem ich zu nahe gekommen bin. Vielleicht erlebe ich gleich eine Situation, aus der ich etwas Wichtiges Lernen kann. Alles was kommt, ist willkommen. Diese Haltung entspannt, entstresst und macht gelassen, ohne die Aufmerksamkeit einzuschränken.

Alles bleibt im Fluß

Ich fahre so, dass alle möglichst flüssig dahingleiten können. Die Straßenverkehrsregeln sind gute Leitlinien und machen Verhalten leichter einschätzbar, ich beharre aber nicht auf dem Recht, sondern verhalte mich der jeweiligen Situation angepasst, umrunde mal FußgängerInnen am Radweg großzügig, schlängle mich gerne nach vorne, verlasse mal den markierten Weg, wenn nötig, achte immer darauf, dass ich niemanden blockiere. Ich behalte mir auch immer noch eine Reserve ein, damit ich situationsbedingt reagieren kann.

Gefühlsausbrüche kurz und bündig

Wenn es mal nicht so klappt, ich oder jemand anderer rücksichtslos ist, eine gefährliche Situation entsteht, oder es sogar zu einem Unfall kommt, schreie oder schnaufe ich meine Angst, meinen Ärger, meinen Frust, oder was auch immer an Gefühl auftaucht laut hinaus, möglichst in Richtung Erde, denn die kann das gut aufnehmen. Dann bin ich wieder offen für die Situation und mache, was nötig ist: helfen, dass alles wieder ins Lot kommt.

Und das gestehe ich auch anderen zu und reagiere nicht auf Wutausbrüche, Schimpfwörter oder –gesten. Ich traue den anderen zu, dass sie das selbst wieder in den Griff kriegen.

Klare und freundliche Kommunikation

Die Kommunikation im Verkehrsgeschehen ist äußert schwierig: Menschen, die und deren Kommunikationsverhalten ich nicht kenne, der Kontakt dauert nur Sekunden, manchmal gibt es keinen Blickkontakt, die meisten sind im „von A nach B“ Modus. Daher gebe ich mit Handzeichen klare Signale, wohin ich möchte und bedanke mich freundlich für zuvorkommende Behandlung und freue mich über gelungenes Verstehen. Ich halte es für normal, dass es oft zu Missverständnissen kommt, lache darüber und versuche es erneut und bin neugierig, ob sich aus dem Missverständnis vielleicht noch was ergibt. Humor und Freundlichkeit sind die wichtigsten Ingredienzen bei Missverständnissen.

Willkommenes Warten

Wenn ich im „Hier und Jetzt“ Modus bin, dann ist auch das Warten an einer Ampel eine willkommene Gelegenheit, um die Umgebung, die Menschen genauer zu betrachten. Wenn ich grad im „von A nach B“ Modus bin, dann mach ich eine spezielle Atemübung, aber auch schon dreimal tief und langsam atmen hilft, wieder in den „Hier und Jetzt“ Modus zu kommen.

Kurven einbauen

Als Radfahrer tendiere ich zur geraden Fahrlinie, das hat viele Vorteile: kurzer Weg, für die anderen erwartbares Verhalten, klares Ziel. Dadurch tendiere ich aber auch zum Tunnelblick, sehe nur noch mein Ziel vor Augen und das bringt mich in den „von A nach B“ Modus.

Daher baue ich – dort wo es nicht gefährlich ist – auch einmal ein paar Kurven ein, umrunde genußvoll ein Hindernis, ein wenig übermütig, spielerisch. Das bringt oft auch andere zum Schmunzeln und mich selbst in den „Hier und Jetzt“ Modus.

Nachsichtig mit mir und anderen

Ich gestehe mir und anderen Unachtsamkeiten zu, besonders FußgängerInnen. Denn der große Vorteil des zu Fuß Gehens ist, dass man nicht ständig aufpassen muss, sondern einfach vor sich her schlendern kann, sich unterhalten, freudig gestikulieren, nachdenken, träumen, ohne andere zu gefährden. Ich freue mich über die Selbstvergessenheit und achte darauf, dass sie nicht gefährdet werden.

Ich lasse daher in meiner Fahrweise eine Reserve übrig, damit nicht aus jeder Unachtsamkeit eine Gefahr wird.

Manchmal halte ich mich nicht an meine Radweisheiten, bin im „von A nach B“ Modus, will einfach nur weiter kommen, die nächste grüne Ampel erwischen, schaue nicht links und nicht rechts und alle, die im Weg stehen könnte ich auf den Mond schießen. Ich ärgere mich dauernd und schimpfe vor mich hin.

Wenn jemand in mir das dann merkt, eventuell sogar weil sich eine gefährliche Situation ergibt, macht die Weisheit in mir nachsichtig und liebevoll den Vorschlag, ein wenig durchzuatmen, den Stress loszulassen, das Leben zu genießen. Und oft komme ich dann wieder in den „Hier und Jetzt“ Modus. Denn eines ist uns allen in mir klar: Dauerärger, Dort sein Wollen, Recht haben müssen, Andere demütigen, Hektik und Stress schadet vor allem uns selbst.

 

 

Übung für achtsame Präsenz: Ich fahre/gehe durch die Stadt und tue so, als ob alles, wirklich alles nur für mich und nur für diesen einen Augenblick gemacht worden wäre: die Häuser, die Straßenbahnen, die freundlichen, die grantigen und die rücksichtslosen Menschen, die ärgerlichen Hindernisse, alles; und ich denke daran, welchen Luxus das darstellt, all das nur für mich und nur für diesen einen Augenblick und wer da aller im Laufe der Jahrhunderte daran gearbeitet hat, damit ich in diesem Augenblick hier fahren kannst. (Achtung: diesen Modus auch wieder ausschalten, kann zu Größenwahn führen).

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